Jeder, der schon einmal studiert hat oder noch studiert, kennt diese Situationen und durchlebt sie womöglich Tag für Tag: Man geht zur Universität, setzt sich in ein Kolloquium und lässt sich kurz von dem Dozenten berieseln, während man darüber nachdenkt, was heute wohl auf dem Mensa-Plan steht.

Noch schlimmer sind nur diejenigen, die während eines Seminars oder einer Vorlesung Netflix schauen oder unentwegt am Smartphone kleben. Worüber viele in diesen Momenten oft nicht reflektieren ist, dass darüber eine gewisse Anonymität entsteht – und diese Anonymität ist alles andere als anstrebenswert.

Das Verhältnis zwischen Studierenden und Dozierenden

Referate muss vermutlich jeder in seinem Leben einmal halten, ob in der Schule, während des Studiums oder später im Beruf. Und vermutlich weiß auch noch jeder zumindest aus seiner Schulzeit, wie unangenehm es ist, wenn man, ohnehin schon nervös, vor einer großen Menge Menschen steht und einen Vortrag halten soll. Wenn man dann aber noch merkt, dass die Hälfte eh mit dem Handy beschäftigt ist, ein weiterer Teil am Laptop spielt und nur eine Handvoll Leute zuhören, können die Auswirkungen dieses Bildes in zwei verschiedene Richtungen gehen: Entweder man fällt durch sein abgelenkt sein negativ auf oder man fällt gar nicht auf und geht in der Masse unter.

Letzteres ist an einer Universität sehr wahrscheinlich, denn Dozierende stehen oftmals in großen Hörsälen, die mehr als 300 Menschen beherbergen können. Und wer dann nicht auffällt, der hat es später womöglich schwieriger.

Die Folge der Anonymität: Der „Nasen-Effekt“

Menschen sind dazu geneigt – und das tun sie keinesfalls bewusst und mit voller Absicht – ihre Mitmenschen in nur 2 Sekunden einzuschätzen. Für das Gehirn ist es auch sehr bequem, wenn es etwas oder jemanden zuordnen, einfach ausgedrückt in Schubladen stecken kann. Da kann sich übrigens auch ein Dozent nicht ausnehmen.

Stehen nun mündliche Prüfungen an und der Prüfer sieht einen Studenten das erste Mal wirklich bewusst, kann sich aufgrund dieser sehr subjektiven 2-Sekunden-Einschätzung der sogenannte „Nasen-Effekt“ einstellen. Jeder kennt vermutlich den Spruch: „Dem passt meine Nase nicht“, der sich eigentlich noch fortsetzen soll mit „und deshalb …“. Gemeint ist damit natürlich nicht wirklich die Nase, sondern die erste oberflächliche Einschätzung von einem Prüfer, wenn er den Studenten oder die Studentin vor sich nicht kennt, sein Gehirn aber von ihm fordert, ihn oder sie irgendwie einzuordnen.

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https://youtu.be/UbgoNLF2vxQ

Das Problem am „Nasen-Effekt“ beim Studium

Natürlich unterliegt jeder Mensch irgendwann einmal dem „Nasen-Effekt“, doch oftmals bieten sich danach noch genug Gelegenheiten, die „Nase zu korrigieren“, sprich das Bild, das man von einem Menschen gewonnen hat, zu verändern, indem man ihn besser kennenlernt. Mündliche Prüfungen erlauben genau diese Korrektur nicht, wenn zwischen Studierenden und Dozent eine allgemeine Unbekanntheit besteht.

Wie soll der Prüfer auch binnen einer halben Stunde seine zunächst oberflächliche Einschätzung korrigieren? Dies scheint im Studium ein ganz schönes Problem zu sein, schließlich befindet man sich bei einem Kolloquium unter mehreren hundert Menschen. Doch es gibt Lösungen!

„Ich bin hier und ich möchte etwas lernen!“

Körperliche Anwesenheit ist für die meisten keine große Sache, geistige Anwesenheit jedoch schon und genau die muss der Dozent spüren. Viele Studierende haben Angst, dass sie während einer Vorlesung oder während eines Seminars Fragen stellen, die sich in den Augen der anderen als doof herauskristallisieren könnten.

Aus dieser Angst heraus stellen sie keine Fragen und geben dem Dozenten auch keine Antworten auf Fragen, denn schließlich könnten sie ja auch falsch sein. Doch genau das ist der falsche Weg. Wer etwas nicht versteht, sollte sich in jedem Fall melden und seine Frage stellen. Nicht nur wegen des Wissenszuwachses, sondern auch um den Dozierenden zu signalisieren: Ich bin hier und ich möchte etwas lernen.

„Halten mich die Dozenten dann nicht für dumm?“

Dozierende merken sich bei so vielen Studierenden nicht, dass jemand mal eine Frage gestellt hat, die sich womöglich von selbst erklärt hätte. Sie merken sich das Gesicht, das eine Frage gestellt und damit gezeigt hat, geistig anwesend zu sein. Genau dasselbe gilt auch für Antworten auf Fragen, die die Dozierenden stellen.

Als Student und Studentin kann man ohne Probleme, wenn man sich nicht sicher ist, seine Antworten im vornherein abschwächen, indem man Formulierungen verwendet wie: „Aus dem zuvor behandelten Thema könnte man ja schließen, dass …“ oder „Aus meiner Sicht stellt sich xy soundso dar.“ Damit wird den Dozierenden außerdem deutlich gemacht, dass die Wortmeldung keine affektive ist, weil man mal 10 Sekunden mitgedacht hat, sondern dass man regelmäßig konzentriert dabei ist.

Fazit

Wer an einer Universität glücklich werden will, sollte den Dozierenden die Möglichkeit geben, sich vor etwaigen Prüfungen ein Bild von dem Prüfling machen zu können. Ein positives Bild entsteht vor allem durch aktive Teilnahme an den Seminaren, Kolloquien und Vorlesungen, auch dann, wenn man selbst die Person ist, die Fragen stellt.